Objekt des Monats

Februar 2024

Pain Expeller der Schwanen-Apotheke
Glas, Papier, Kork
Um 1890

(Städtische Museen Esslingen, STME 007381)

Glasfläschchen mit schmalen Hals und Korken. Darauf vergilbtes weißes Etikette.
Fotografie: Michael Saile

„Dieses vorzügliche Präparat wird seit langen Reihen von Jahren als wirksamstes Hausmittel Aeusserlich angewendet.“ Mit dieser Beschreibung warb der Esslinger Apotheker Wilhelm Häberlen für ein von ihm hergestelltes Heilmittel, ein sogenannter Pain Expeller („Schmerzvertreiber“). Als Pain Expeller wurden verschiedene Präparate bezeichnet, die als Universalmittel gegen jegliche Art von Krankheit helfen sollten. Diese Wundermittel erfreuten sich Ende des 19. Jahrhunderts größter Beliebtheit.
In Esslingen gab es jahrhundertelang lediglich drei Apotheken, welche die medizinische Versorgung der Reichs- und späteren Oberamtsstadt sicherstellten. Eine dieser Apotheken war die Schwanen-Apotheke, welche sich bis 2014 am Marktplatz 25 befand. Das Gebäude war 1718 vom Apotheker Johann Adam Wiedersheim gekauft worden, der damit die rund 300jährige Tradition als pharmazeutisches Gebäude begründete. Wilhelm Häberlen kam in den 1880er Jahren in den Besitz des Gebäudes.
Die Rezeptur des von Häberlen entwickelten Fabrikats ist nicht bekannt. Sein Pain Expeller „Made in Esslingen“ musste laut dem Etikett des Fläschchens mit Öl oder Branntwein vermischt und an die schmerzenden Stellen eingerieben werden. Eine weitere Möglichkeit bestand darin, das Präparat mit Wasser zu verdünnen und als Umschlag anzuwenden.
Häberlen war mit seiner Erfindung eines Wundermittels nicht allein. Der wohl berühmteste Pain Expeller wurde von der chemisch-pharmazeutischen Firma F. A. Richter im thüringischen Rudolstadt hergestellt. Der Firmengründer Friedrich Adolf Richter (1846-1910) war gelernter Drogist, betrieb jedoch seit 1869 einen Kolonialwarenladen in Duisburg. Hier hatte er zunächst den aus den USA stammenden Pain Expeller Dr. Radways Ready Relief vertrieben, welchen er u.a. als bestes Mittel gegen Cholera, rote Ruhr und Diarrhoe bewarb. Kurz darauf nahm er mit dem Cherwy’s Cordial Drink einen weiteren Pain Expeller in sein Produktportfolio auf, der gegen alle als unheilbar geltenden Krankheiten helfen sollte. Nach der Übersiedelung nach Rudolstadt brachte Richter schließlich sein eigenes Wundermittel auf den Markt. Der sogenannte Anker Pain Expeller bestand aus spanischem Pfeffer, Kampfer, medizinischer Seife, Salmiakgeist, Alkohol und verschiedenen ätherischen Ölen. Er verkaufte sich deutschlandweit und trug maßgeblich zur Popularität der Arznei in Deutschland bei, die bald in keinem Haushalt mehr fehlen durfte.
Die Apotheker in Deutschland reagierten auf das Wundermittel aus dem Hause Richter gemischt. Pharmazeutische Fabriken waren erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Zuvor stellten die Apotheken ihre Produkte selber her und vertrieben diese alleinig. Die versprochene Wirkung des Pain Expellers wurde in Fachkreisen ohnehin schon lange angezweifelt. Dementsprechend sahen viele Apotheker durch den Verkauf des Wundermittels in ihren Geschäften den Ruf der Branche in Gefahr und lehnten es strikt ab, Geheimmittel von pharmazeutischen Fabriken zu verkaufen. Um die große Nachfrage nach diesen Mitteln trotzdem befriedigen zu können, bot sich die Eigenproduktion in den Apotheken an. Dieser Weg wurde auch in Esslingen eingeschlagen.
Für Wilhelm Häberlen rechnete sich die Herstellung eines eigenen Pain Expellers nicht. Zu groß war vermutlich die Konkurrenz aus den pharmazeutischen Fabriken. Um 1894 verkaufte er die Schwanen-Apotheke an Benjamin Krauß. Der Erfolg der Pain Expeller im Allgemeinen hielt hingegen an. Noch während des Zweiten Weltkriegs erfreute der Anker-Pain-Expeller sich großer Beliebtheit, indem er als Heilmittel gegen Rheuma und Erkältungskrankheiten eingesetzt wurde. Bis 1997 war das Wundermittel in der BRD noch im Handel erhältlich, zuletzt jedoch ohne den Zusatz von spanischem Pfeffer.


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