Objekt des Monats

Januar 2023

Bierkrug mit Stadtansicht
Steingut, Zinn
Reinhold Merkelbach, Grenzhausen
Um 1890

(Städtische Museen Esslingen, STME 005720)

Bierkrug mit Zinndeckel und farbig bemalter Stadtansicht von Westen
Fotografie: Michael Saile

Eine Stadtansicht von der Esslinger Neckarhalde auf die Weststadt: Auf den ersten Blick wirkt der Bierkrug wie ein klassisches Souvenir, das von Tourist:innen als Andenken gekauft werden sollte. Auf den zweiten Blick ermöglicht er jedoch spannende Einblicke in das Esslinger Stadtbild Ende des 19. Jahrhunderts.
Der Betrachter schaut von der Neckarhalde aus nach Südosten. Im Mittelpunkt steht das noch recht spärlich bebaute Areal zwischen Roßneckarkanal und Mettinger Straße. Gut zu erkennen ist die Mitte der 1880er Jahre errichtete Uhrmacherwerkzeugfabrik von Gustav Boley mit ihren beiden Schornsteinen und leuchtend roten Dächern. Hinter dem südlichen Gebäudeteil erhebt sich das dreistöckige Gebäude der evangelischen Präparandenanstalt (im Bereich der heutigen Agnespromenade 4). Von 1845 bis ins frühe 20. Jahrhundert wurden hier angehende Volksschullehrer zwei Jahre lang auf ihre Ausbildung in den Lehrerseminaren vorbereitet. Links davon ist ein U-förmiges Gebäude mit schwarz gedeckten Dächern auszumachen. Hierbei handelt es sich um die ehemalige Gemeinschaftskelter der Weingärtnergesellschaft Esslingen. Dieses Gebäude wurde 1862 mit Unterstützung der Stadt auf dem Grundstück des Stierlen’schen Garten gebaut, musste aber Ende der 1960er Jahre dem Bau der Ringstraße ebenso wie viele weitere Gebäude der Innenstadt weichen.
Der Roßneckarkanal wird in dieser Ansicht von zwei Brücken überspannt. Bei der vorderen handelt es sich um den 1745 aus Sandstein erbauten Agnessteg. Der Neubau – die Sankt-Agnes-Brücke – mit seiner Stahlkonstruktion ist noch nicht abgebildet: Dieser Kanalübergang wurde erst 1893 und somit einige Jahre nach der Anfertigung des Bierkrugs errichtet. Die hintere Brücke ist der Übergang zum Kesselwasen; nur angedeutet ist dahinter ein Abschnitt der Inneren Brücke.
An der rechten Uferseite des Kanals ist die grüne Wiesenfläche des Lohwasens zu erkennen. Von der dichten industriellen Bebauung der späteren Weststadt ist noch nichts zu sehen – auch wenn deren Planung und infrastrukturelle Erschließung damals schon im Gange war. Einzig die Gebäude des Holzspaltgeschäfts von Adolf Jahn und der Holzwarenmanufaktur Schöllmann existieren bereits. Diese wurden 1910 durch einen anderen Bau am Roßneckarkanal ersetzt: dem Georgii-Gymnasium. Bei dem schräg hinter den Holzfabriken angrenzenden, länglichen Fachwerkbau handelt es sich um eine Turnhalle. Dieser Vorgängerbau der Schelztorhalle stammte aus dem Jahr 1869, hatte einen weitläufigen Vorplatz in Richtung Innenstadt und diente der benachbarten Realschule, dem späteren Schelztorgymnasium, als Sportstätte.
Die vielen grünen Wiesen, Büsche und Bäume, der hellblaue Neckarkanal, die Weinberge sowie die idyllische Hügellandschaft des Neckartals im Hintergrund erwecken ein romantisches Bild Esslingens. Dass die Stadt im ausgehenden 19. Jahrhundert eine hochentwickelte Industriestadt mit zahlreichen Fabriken war, spielt auf dem Bierkrug jedoch kaum eine Rolle. Lediglich die Boley’sche Firma sowie im rechten Hintergrund die Schornsteine der Wollgarnspinnerei Merkel & Kienlin geben hiervon einen Eindruck. Dass gerade dieser an die Bildtradition romantischer Stadtansichten Esslingens anknüpfende Ausschnitt gewählt wurde, unterstreicht, dass es sich bei diesem Bierkrug  um einen Souvenirartikel handelt.
Laut einer Gravur auf dem Klappzinndeckel war der Bierkrug ein Geburtstagsgeschenk. Gefertigt wurde er von der Firma Reinhold Merkelbach aus Grenzhausen im Westerwald. Dieses Unternehmen zählte von 1845 bis 2007 zu den bedeutendsten Unternehmen der Steinzeug-Industrie in Deutschland. Herausragend war dabei die hohe künstlerische Qualität der Bemalungen. Reinhold Merkelbach arbeitete hierfür ab der Jahrhundertwende mit berühmten Künstlern und Architekten des Jugendstils, wie etwa Richard Riemerschmid, Paul Wyland oder Albin Müller zusammen.


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