Objekt des Monats

November 2022

„Notgeld“: 9 Geldscheine im Wert von 500.000 bis 20 Milliarden Mark

August-September 1923
Papier, Offsetdruck
F. Schreiber-Verlag, Esslingen

(Städtische Museen Esslingen, STME 007892.1-9)

Geldschein mit dem Aufdruck 20 Milliarden Mark.
Foto: Michael Saile (Ausschnitt)

„Haben Sie Interesse an einer Zigarrenkiste voller Geldscheine? Ungefähr 20 Milliarden Mark.“ – Wer einen solchen Anruf erhält, wird wohl erst einmal misstrauisch. In diesem Fall handelte es sich jedoch um keinen Telefonbetrug, sondern um ein Angebot an die Städtischen Museen über Esslinger Papiernotgeld aus der Zeit der Hyperinflation im Jahr 1923. Als die Scheine im August und September 1923 im Verlag J. F. Schreiber gedruckt wurden, kostete ein Zentner Mehl bereits mehrere Millionen Mark.
 
Millionen und Milliarden Mark – und dennoch kaum das Papier wert, auf dem die Geldscheine gedruckt wurden. Seit 1914 hatte sich mit Beginn des Ersten Weltkriegs der Wert der Mark stetig verschlechtert. Kostete ein Dollar 1914 noch 4,20 Mark, so waren es im Juli 1922 bereits 500 Mark; im November 1923 stattliche 4,2 Billionen Mark. Die Staatsverschuldung des Deutschen Reichs war ab Kriegsbeginn 1914 durch die Kosten der Kriegsführung und verschiedene Anleihen in ungeahnte Höhen gestiegen. Warenmangel begünstige Preissteigerungen, Münzen wurden schrittweise aus dem Verkehr gezogen und durch Papiernotgeld ersetzt. 1918 mit Ende des Ersten Weltkriegs stand das Deutsche Reich vor einem riesigen Schuldenberg und gleichzeitig vor der Herausforderung des Wiederaufbaus, der Versorgung der Kriegsversehrten und der immensen Reparationsforderungen der Siegermächte. Letztere wurden mit 132 Milliarden Goldmark beziffert. Die Zahlungen galten als unerfüllbar, und die Einnahmen des Staats konnten die Ausgaben bei Weitem nicht decken. Die Währung verfiel weiter. Das Deutsche Reich stand wirtschaftlich gesehen bereits mit dem Rücken zur Wand, als im Januar 1923 belgische und französische Truppen ins Ruhrgebiet einmarschierten, um sich „Pfänder“ für die nicht gezahlten Reparationen zu holen. Die Bevölkerung trat daraufhin in den Streik, um passiven Widerstand zu leisten. Die Regierung bezahlte sie dafür mit Banknoten, die in immer größerer Zahl gedruckt werden mussten – die Hyperinflation nahm ihren Lauf. In 133 Privatdruckereien wurde Tag und Nacht Geld gedruckt auf Papier, das in 30 Papierfabriken produziert wurde. Innerhalb von 9 Monaten wurden 10 Milliarden Geldscheine in einem Wert von 3 877 000 000 000 000 000 000 (=3,8 Trilliarden) Mark gedruckt und ausgegeben. Weil selbst diese Papiergeldmasse nicht ausreichte, um im Deutschen Reich die Löhne auszubezahlen, gaben Kommunen und Betriebe aller Art schließlich eigenes Notgeld heraus – so auch die Stadt Esslingen.
 
Im Gemeinderatsprotokoll vom 27. August 1923 ist nachzulesen, dass der Esslinger Verlag J. F. Schreiber mit dem Druck beauftragt wurde und dafür mit 260 Goldmark (!) entlohnt wurde. Für die Nummerierung der Scheine erhielt der Verlag weitere 125 Millionen Mark. Das Notgeld wurde im Offset-Verfahren auf Wasserzeichenpapier gedruckt und zeigt auf der Vorderseite im rechten Bildfeld den Reichsadler mit den auf der Brust prangenden Buchstaben CE (Civitas Esslingensis). Das linke Bildfeld ziert die Frauenkirche mit der Burg im Hintergrund. Außer dem Nennwert wird auch die Herausgeberin der Scheine, die Stadtgemeinde Esslingen genannt, sowie das Datum der Ausgabe. Aufgedruckte sechsstellige Kontrollziffern sollten die Scheine zusätzlich vor Fälschung schützen. Die Rückseiten blieben unbedruckt. Der Gemeinderatsbeschluss legte fest, dass 30.000 Scheine à 500.000 Mark und 70.000 Scheine à 1 Million Mark gedruckt werden sollten – also insgesamt 85 Milliarden Mark. Dass das nahezu wertlose Papiergeld auch als Schmierpapier oder für Notizen herhalten musste, zeigt einer der Millionen-Scheine. Die Inflation kannte indes kein Halten; schon Mitte September gab die Stadt weiteres Notgeld heraus. Die Scheine, die Ende September mit Milliardenwerten in Umlauf kamen, hatten nicht einmal mehr Kontrollziffern aufgedruckt. Statt der Frauenkirche zeigen sie nun die Stadtkirche St. Dionys. Wie die Eßlinger Zeitung aus diesen Wochen belegt, hatte ein Laib Brot am 1. September noch 160.000 Mark gekostet, am 6. Oktober waren es schon 10 Milliarden Mark. Im November schließlich druckte die Stadt Scheine mit dem Nennwert einer Billion – nun allerdings nicht mehr bei J. F. Schreiber, sondern der Kunst- und Werbedruck GmbH. Erst mit der Gründung der Deutschen Rentenbank im Oktober und der Einführung der Rentenmark Mitte November 1923 kam es nach und nach zu einem Preisrückgang und zu einer Stabilisierung. Reichsbanknoten bleiben übergangsweise noch im Umlauf, doch Notgeld wurde nicht mehr akzeptiert.
 


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O Tannenbaum. Historischer Christbaumschmuck 1850-1970

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