Objekt des Monats

Juni 2024

Tretkurbelfahrrad oder Veloziped
Eisen, Holz, Leder
Jakob Kottmann, Öhringen
Um 1870

(Städtische Museen Esslingen, STME 007719)

Ein altes Fahrrad mit zwei sehr großen Rädern und Pedalen, die am Vorderrad befestigt sind.
Fotografie: Michael Saile

So wegweisend die Erfindung der Laufmaschine durch den badischen Forstbeamten Karl Drais im Jahr 1817 gewesen sein mag, richtig Fahrt nahm die Entwicklung hin zum Fahrrad erst auf, als die Laufmaschine Tretkurbeln bekam und damit den Fahrer vom Boden entkoppelte. Auf diese Idee kamen unabhängig voneinander mehrere Tüftler. Kommerziell erfolgreich wurden Tretkurbelfahrräder allerdings erst, als die französischen Kutschenbauer Pierre und Ernest Michaux ein Tretkurbelfahrrad auf der Weltausstellung 1867 in Paris vorstellten. Ein Jahr später begannen sie, dieses industriell zu produzieren.
 
Die Idee verbreitete sich rasch international und regte unzählige Nachahmer an. Oft waren es zunächst Stellmacher und Schmiede, die sich an der handwerklichen Produktion von Velozipeden versuchten. Velozipede haben einen massiven Rahmen aus schmiedefähigem Eisenguss. Eine aus Blattfedern bestehende, auf den Rahmen montierte Konstruktion trägt einen Sattel, der mittels Flügelschrauben auf der Längsachse verschiebbar ist, um die Sitzposition an unterschiedliche Körpergrößen anzupassen. Die mit der Nabe des Vorderrads verbundenen Tretkurbeln haben Kurbelarme mit variabler Pedalaufnahme, so dass die Kurbellänge und damit der beim Pedalieren beschriebene Kreis an unterschiedliche Beinlängen angepasst werden können. Da die Kurbeln ohne Freilauf starr mit der Nabe verbunden sind, drehen sie sich immer mit, wenn das Rad in Bewegung ist. Um beispielsweise bergab nicht ständig pedalieren zu müssen, können die Beine auf eine so genannte Fußruhe über dem Vorderrad abgelegt werden. Gebremst wird mit einem Hebel, der auf den Radreifen des Hinterrads drückt. Betätigt wird dieser mittels eines Seils, das über den drehbaren Lenker aufgewickelt und so gespannt wird. Eine Rückholfeder bringt den Bremshebel wieder in seine ursprüngliche Position.
 
Die Laufräder der ersten Velozipede waren wie Kutschenräder konstruiert und wiesen hölzerne Naben, Speichen und Felgen mit eisernen Radreifen auf. Kurze Zeit später kamen bereits kugelgelagerte Räder mit Metallspeichen und Metallfelgen mit Vollgummireifen auf den Markt. Innovationstreiber waren erste Radrennen in Frankreich gewesen. Die einzige technische Möglichkeit, höhere Geschwindigkeiten zu erzielen, war die Erhöhung des Umfangs des Antriebsrads. Deshalb wurden diese immer größer und die hinteren Räder immer kleiner: Die sogenannten Hochräder der 1880er Jahre waren gewissermaßen die Rennräder ihrer Zeit. Erst als der Hinterradantrieb mittels Fahrradkette erfunden wurde, erhielt das Fahrrad seine heutige Form. Velozipede und Hochräder waren damit technisch überholt.
 
Das Veloziped aus der Museumssammlung des Esslinger Geschichts- und Altertumsvereins lässt sich mit großer Sicherheit der Firma Jakob Kottmann in Öhringen zuordnen, die vor allem Landmaschinenherstellte und um 1870 auch mit der Produktion von Tretkurbelfahrrädern begann. Man erkennt sie an den nur für die Firma Kottmann nachweisbaren charakteristischen Rosettenpedalen mit ihren an gotische Rundfenster erinnernden durchbrochenen Flanken. Ob der nach vorne weisende, vierkantige und mit einer Bohrung versehene Sockel am Steuerrohr die Aufnahme für eine nicht mehr erhaltene Fußruhe oder eher für eine Lampe gewesen ist, ist unklar. Gegen eine Aufnahme für eine Fußruhe spricht, dass diese normalerweise aus gutem Grund kein angeschraubtes Teil, sondern eine horizontal verlaufende Fortsetzung des Rahmens war: Schließlich mussten sie 40% des Körpergewichts des Fahrers tragen können. Eine angeschraubte Konstruktion wäre somit möglicherweise nicht stabil genug gewesen. Der Radumfang des Vorderrads beträgt 2,90 Meter, was bei einer Trittfrequenz von 40 bis 70 Umdrehungen pro Minute auf eine Geschwindigkeit von 7-14 km/h schließen lässt - solange es nicht bergauf ging, denn mit 28 kg wiegt das Veloziped annähernd das Doppelte eines heutigen Alltagsfahrrads und das Eineinhalbfache eines Pedelecs.
 
Wie das Veloziped seinen Weg von Öhringen nach Esslingen gefunden hat, bleibt unklar. Eine Fahrradindustrie mit entwickelten Vertriebsstrukturen und Händlernetz gab es um 1870 noch nicht. Velozipedisten und Velozipedistinnen waren zu dieser Zeit sicher kein gewöhnlicher Anblick auf den Straßen in und um Esslingen. Es dauerte noch mehr als ein Vierteljahrhundert, bis sich erste Fahrradhändler und Reparaturwerkstätten in Esslingen etablierten. Es waren zunächst Schlosser, Mechaniker und Uhrmacher, die neben Nähmaschinen auch Fahrräder anboten und reparierten und ab 1898 Eingang in die Adressbücher der Stadt fanden.


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