Objekt des Monats

Juli 2024

Fotoalbum mit Bildern der Armenspeisung der Aargauer Küchen
Januar/Mai 1924

Stadtarchiv Esslingen, Fslg. 10709

Historisches Schwarzweiß-Foto: Erwachsene und Kinder mit Gefäßen stehen Schlange vor einen offenem Fenster und einer geöffneten Tür.
Fotografie: Stadtarchiv Esslingen

Vor 100 Jahren war Deutschland ein Notstandsgebiet. Der verlorene Weltkrieg hatte neben Trauer und Wut politische, soziale und wirtschaftliche Verwerfungen hinterlassen. Bereits im Krieg hatte eine rasante Geldentwertung eingesetzt. Sie beschleunigte sich aufgrund der enormen Kriegsschulden und Reparationslasten nach 1918 und mündete in Folge der französischen Besetzung des Ruhrgebietes 1923 in eine Hyperinflation, den Kollaps der Währung. Die lokalen Auswirkungen lassen sich in den Esslinger Gemeinderatsprotokollen fassen. Geldwirtschaft und Versorgungskreisläufe stockten. Weil kaum einer bereit war, Ware gegen wertloses Papier abzugeben, wurde es immer schwieriger, die Bevölkerung mit dem Nötigsten wie Mehl, Kartoffeln, Milch oder Kohle zu versorgen. Im November 1923 stabilisierte eine Währungsreform die Lage. In altem Papiergeld angesammelte Ersparnisse waren aber verloren, und die auf die neue Rentenmark umgestellten Löhne, Gehälter und Renten lagen kaufkraftbereinigt empfindlich unter dem Niveau der Vorkriegsjahre. Auf durchschnittlich 40 % schätzte die Esslinger Stadtverwaltung das Minus für ihre Beschäftigten.
 
Das gezeigte Fotoalbum gehört in den beschriebenen Katastrophen-Zusammenhang. Spenderinnen und Spender aus dem Schweizer Kanton Aargau hatten es ermöglicht, in Esslingen von Januar bis Mai 1924 vier Not-Küchen zu betreiben. Sie wurden im Lutherbau des CVJM, im Neuen Ritter, damals ein Lokal der Abstinenzbewegung, in der eigentlich für Wanderarbeiter bestimmten Herberge zur Heimat am Kronenhof und im evangelischen Gemeindehaus Oberesslingens eingerichtet. Die nötigen Suppenzutaten, insgesamt 12.725 kg, lieferte das von dem Aarauer Pfarrer René Gloor geleitete Aargauer Hilfskomitee. Auf Esslinger Seite war das städtische Wohlfahrtsamt federführend, das einen Kreis von Ehrenamtlichen mobilisierte. Am Ende der Aktion waren fast 103.000 Liter-Portionen Suppe ausgegeben worden.
 
Die Aufnahmen in dem Album, das erst im vergangenen Jahr vom Stadtarchiv Esslingen angekauft werden konnte, dokumentieren die in den Lokalen geleistete Arbeit, dazu Lagerung und Transport der Lebensmittel. Die Fotos waren vom Aargauer Hilfskomitee zu Pressezwecken in Auftrag gegeben worden. Adolf Murthum nutzte Abzüge für mindestens drei Alben. Das hier gezeigte Exemplar ging als Ehrengabe der Stadt an die Leiterin der Not-Küchen, Lena Mayer-Benz, eine frauenpolitisch profilierte Esslingerin. Den Aargauern dankte die Stadtverwaltung mit einer Ansicht Esslingens, die bei dem Kunstmaler Karl Fuchs in Auftrag gegeben wurde. Am 10. Januar 1925 wurde das Gemälde von Esslingens Bürgermeister Max Mülberger in Aarau feierlich der Kantonsregierung übergeben.
 
Die Aargauer Küchen sind nur ein Beispiel für die umfangreiche Schweizer Nothilfe vor 100 Jahren. Sie begann mit der Aufnahme von 120.000 mangelernährten, oft tuberkulosekranken Kindern und Jugendlichen aus Deutschland, Belgien und Frankreich in den Kriegsjahren. 1919 kam die Unterstützung deutscher und österreichischer Kinderheime hinzu. Schockierende Aufnahmen extremster Unterernährung hatten vor Augen geführt, dass es hier akut um Leben und Tod ging. Für die Küchen-Hilfe der Jahre 1923 und 1924 koordinierten sich die Hilfskomitees der gesamten Schweiz. Verabredet wurde eine Konzentration auf Süddeutschland. Die Aargauer unterstützen Esslingen, Reutlingen und Nürnberg, Zürich Stuttgart, Fribourg im Waadtland, Freiburg i. Br. u.s.w.
 
Gemessen an der Einwohnerzahl der Eidgenossenschaft übertraf die Schweizerhilfe das, was nach 1918 von den anderen großen Gebernationen, Schweden, den Niederlanden und den USA geleistet wurde. In absoluten Zahlen war aber die US-Hilfe am größten. Von den Schulspeisungen der amerikanischen Quäker profitierten 1921 und 1922 auch viele Esslinger Kinder.
 
Heute ist die damalige internationale Hilfe so gut wie vergessen. Sie wurde im kollektiven Gedächtnis von den Care-Paketen und Aufbauhilfen nach 1945 überlagert. Mancherorts erinnern aber noch Straßennamen, so die Schaffhausenstraße in Tübingen oder die Aaraustraße in Reutlingen, an die Schweizer-Küchen vor 100 Jahren.

Aufgeschlagenes altes Fotoalbum: Ein eingeklebtes Foto zeigt Erwachsene und viele Kinder mit Gefäßen, die Schlange stehen.
Fotografie: Stadtarchiv Esslingen

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